Der größte aller Mörder
Ungehorsam als zivilisatorische Leistung
Man hört immer gerne die Gegeneinaderrechung der Opfer von Ideologien, Kriegen, Staaten, Führern und Religionen. Wer ist das größte aller Ungeheuer unter den menschlichen Wesen und Gedankenkonstrukten? Welche Ideologie, welche Geistesregung kann die meisten Opfer auf ihre Fahne schreiben? Der Völkerhass und die Kriegsvernarrtheit des Nationalsozialismus, die hasserfüllte Gnadenlosigkeit Hitlers? Doch eher die gnadenlose Gleichheitssense des Kommunismus, die Köpfe gleich Grashalmen fallen ließ, das paranoid-tyrannische Machtspiel Stalins? Vielleicht sogar die nicht weniger kriegerische "moderne Demokratie", deren Absolutheitssanspruch sie in die ganze Welt trägt? Oder doch eher Religionen? Vielleicht das kreuzfahrende und hexenjagende Christentum? Der Islam, auf dessen Grundlage bis heute unwürdigste Verbrechen aufgebaut werden? Immer wieder sieht man die Vertreter - oder Gegner - der einen oder anderen Geisteshaltung sich wilde Kämpfe um die Zerstörungskraft der einen oder anderen Idee, sei sie politisch oder religiös, schlagen. Antifaschisten, Antikommunisten, Islamgegner, Christenfeinde, sie alle richten sich gegen bestimmte Lehren und Glaubensinhalte - und jeder verkündet stolz, dass er sich einer mörderischen Ideologie entgegenstelle. "Sozialismus ist Mord!", mag der Liberale tönen. "Faschismus ist Mord!", tönt der Sozialist. "Der Islam ist Mord!", tönen die immer penetranter auftretenden "Islamkritiker". "Religion ist Mord!", hört man aus dem Munde der Atheisten. Aus dem Mund von Anarchisten tönt es gerne "Der Staat ist Mord!".Was also ist das größte geistige oder sogar fleischliche Ungeheuer der Menschheit, ihres Wesens und ihrer Geschichte?Politische Verbrechen
Wir neigen dazu, in der Politik bzw. der politischen Geschichte entweder sehr zu abstrahieren oder sehr zu personalisieren.
Zuerst die Abstraktion: Das Gegenteil des Verweises auf einzelne Personen, der, wie wir oben gesehen haben, inkorrekt ist, ist der Verweis auf eine ganze Idee/Ideologie.
Ich frage: Wann hat der Sozialismus, der Faschismus oder Islam je eine Waffe in die Hand genommen und sie einem Opfer an den Kopf gesetzt? Ideen töten nicht, denn Ideen sind immateriell. Zum Mord wird eine Idee erst durch die Hand eines ihr folgenden Mörders. Und auch die abstrakte Idee des Staates ist kein Mörder - nie habe ich einen "Staat" eine Waffe ergreifen sehen. Wir sehen: Ideologien töten nicht. Menschen töten. Und das lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wirkliche: Auf den handelnden Menschen.
Haben also diese Worte irgendeinem Menschen das Leben genommen? Nein. Worte, Ideen töten keine Menschen, der millionenfache Mord wurde von Hand jener begangen, die den Worten ihres Führers, ihres "Staates", gehorchten. Hätten sie es nicht getan, in Berlin hätte ein geistig verwirrter Hassprediger gestanden und sich heiser geredet, nicht ein Schuss wäre gefallen, nicht ein Mensch hätte sein Leben gelassen.
Gewiss waren die wenigsten überzeugte Nationalsozialisten, sie hätten aus eigenem Antrieb ohne den Befehl ihres Führers niemals derartige Verbrechen auch nur im Sinn gehabt. Wenn aber die Verbrechen weder von jedem einzelnen ausgehen, noch vom einzelnen Befehlenden, was ermöglichte sie dann?Religion
Bewegen wir uns einmal abseits von politischer Ideenwelt und Führerschaft und betrachten wir das zweite angesprochene Feld: Die Religion.
Auch hier wird immer starke Kritik angebracht: Der Islam, das Christentum, das Judentum und jede andere Religion enthalten ohne Frage unzählige mehr als fragwürdige Inhalte. Offen wird dort, das halten die Anhänger der Religionen sich gegenseitig und der Atheist allen gerne vor, zu Raub, Unterdrückung oder sogar Mord aufgerufen. Und unzweifelhaft: Unzählige Millionen Menschen fanden den Tod unter der Begründung, die Religion, Gott gebiete es. Sind also die Religionen unterdrückerisch und hassverbreitend? Sind sie die wahren Ungeheuer der menschlichen Geschichte?
Und wieder kann ich obiges aufgreifen. Ich frage alle Islamkritiker: Wann hat jemals der Islam einen Stein ergriffen und eine Ehebrecherin gesteinigt? Und wieder: Religionen morden nicht, Menschen morden. Ich möchte hier auch auf einen grandiosen Artikel von Stefan Blankertz verweisen, der sich mit eben solchen verbrechersichen religiösen Geboten beschäftigt. Er kommt sinngemäß zum Schluss, dass die religiösen Gebote sich immer erst im handelnden Menschen verwirklichen, der sie, wie alle seine Handlungen, seinem eigenen Gewissen unterwerfen muss.
Und genau dieser Punkt führt uns zur Antwort auf die Frage nach dem größten Mörder.
Das eigene Gewissen?
Folgten die mordenden Untergebenen Hitlers, Stalins oder die mordenden Christen und Moslems in ihren heiligen Kriegen ihrem eigenen Urteil? Nichts taten sie weniger. Sie folgten Befehlen und Geboten einzelner, seien es politische Führer, religiöse Propheten und Kultverfasser oder auch politischer Propheten. Sie unterstellten ihre eigene Handlung nicht mehr sich selbst, sondern anderen Menschen. Allem genannten Übel ist dieses Eine gemein: Es wurde erst durch das wahre Ungeheuer, die große Fehlentwicklung des Menschengeschlechts möglich: Den Gehorsam. Und hier haben wir ihn, den größten aller Mörder. Nicht "der Sozialismus" oder "Faschismus" mordete, sondern die gehorsamen Menschen, die ihr Gewissen unter fremden Befehlen ausschalteten, nicht der Islam oder das Christentum sind ein Problem, sondern der Gehorsam Menschen, die den Geboten jener Kulte unreflektiert folgen. Nichts ist so gefährlich wie Gehorsam.
Wenn es auch individuelle Morde, sei es aus Eigennutz oder im Affekt, gibt, ist es doch einleuchtend: Ich denke ich brauche keine Zahlen anzuführen um aufzuzeigen, dass die Opfer von Kriegen, Völkermorden und Ähnlichem, also die Opfer von Befehlsausführungen tausendmal höher sind als es die Zahlen individueller Morde je sein werden. Dem eigenen Gewissen folgend neigt der Mensch - aus Reziprozität - eher zur Friedsamkeit als zur Gewalt.
Der Gehorsam erst, macht ihn zum Mörder, der Gehorsam erst, weckt das gnadenlose Ungeheuer. Der Gehorsam gegenüber allen Geboten, losgelöst vom eigenen Urteil.
Der ökonomische Unnutzen des Gehorsams
Dieser radikalen Gefahr des Gehorsams liegt eine simple ökonomische Begebenheit zugrunde. Der Mensch ist fehlbar. Gesellschaft, als Mittel zur Verwirklichung seiner Zwecke, dient dabei oft als Korrektiv: In zwischenmenschlicher Zusammenarbeit kann sich Gutes zusammenfinden und Schlechtes erkannt und beseitigt werden. Zwei Menschen arbeiten in gegenseitiger Hilfe effizienter als einer, schon deshalb, weil in vielen Menschen mehr Informationen zusammenkommen, als in wenigen. So profitiert jedes Individuum von der gegenseitig optimierenden und ergänzenden Kooperation.
Der Gehorsam beendet diese zivilisatorische Leistung der Zusammenarbeit. Er unterstellt die Handlungen Vieler den Wenigen. Und ebenso wie in freier Zusammenarbeit die Menschen gegenseitig Fehler beheben, werden nun durch Übertragung der Fehler eines Einzelnen Verstandes auf Alle diese Fehler noch multipliziert.
Gehorsam zeigt sich somit also eine der Gesellschaft (als Summe der Individuen) in jeder Form undienlich.*
Gerne führt man heute Reden, man habe "den Faschismus" oder den "totalitären Staat" überwunden. Doch ist das wirklich so? Wir haben gesehen, dass nicht der Faschismus das Problem ist, sondern der Gehorsam. Und tun all die Soldaten, Polizisten, Schreibtischbeamten usw. heute etwas anderes als sie es im dritten Reich taten: Gehorchen, "treu ihre Pflicht tun"? Der Großteil von ihnen würde, das ist eine traurige Wahrheit, die wir nicht ignorieren dürfen, dieselben Dienste auch unter einer faschistischen oder kommunistischen, einer verbrecherischen und tyrannischen Regierung tun.
Es heißt, der Faschismus sei tot. Doch solange der Gehorsam lebt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendeine große Idee, ein großer Führer daher kommt und dem gleichen Gehorsam einen neuen Inhalt unterstellt. Es ist eine glückliche Fügung (und nicht mehr), dass die aktuell Herrschenden das volle Potenzial dieses Gehorsams (noch?) nicht ausnutzen.
Mehr noch: Je mehr der Gehorsam - die Bürokratie, der Zentralismus, die Staatlichkeit (aber auch das unstaatliche Monopol) - sich breit macht, desto schlechter werden die dezentralen Informationen der einzelnen Individuen gesammelt und in freier Zusammenarbeit zusammengefügt. Der Fortschritt stockt, statt gegenseitiger Optimierung macht sich der Primat Einzelner und somit Multiplikation statt Begrenzung derer Fehler breit. Viele Probleme, Krisen und Unzulänglichkeiten, wenn nicht sogar alle, von Staat und Gesellschaft sind auch heute darauf zurückzuführen.Langfristig stehen wir also vor der Entscheidung zwischen zwei Wegen: Auf der einen Seite steht die Selbstenfaltung, das eigene Gewissen und die Zusammenarbeit und gegenseitige Verbesserung der Individuen. Auf der anderen Seite steht die Unterordnung und die Übertragung und Vermehrung der unkorrigierten Fehler eines Einzelnen, kurzum: Der Gehorsam.
Zivilisatorische Leistung ist primär am Abbau von Gehorsam zu Gunsten des freien, selbst wertenden Ichs zu messen. An der Überwindung des Gehorsams hängt das Schicksal der menschlichen Zivilisation.
* Natürlich ist "Gehorsam" klar zu trennen von "Ansehen" oder "Vorbild". Beides folgt dem System der gegenseitigen Optimierung und niemand ist in allen Bereichen von Werken und Wissen gleich befähigt und angesehen, jeder anderswo ein Vorbild. Die "Autorität" des Gehorsams aber maßt sich an, in nahezu allen oder gar gänzlich allen Bereichen den Untergebenen vorzustehen.